Bunker, vergessene Militäranlagen, radioaktive Geschichte und stille Naturparadiese – die Ostseeküste hat weit mehr zu bieten als Sandstrand und Seebäder. In unserer Sommerfolge nehmen uns Kai und Martin mit auf eine außergewöhnliche Reise von Swinemünde bis Travemünde: ein historischer Roadtrip entlang der Küste, der spannende Lost Places, Erinnerungsorte aus zwei Weltkriegen und der DDR-Zeit aufdeckt. Hier sind die Highlights der Folge.
Swinemünde (Świnoujście): Bunkerstadt an der Oder-Mündung
Den Auftakt macht Swinemünde (heute Świnoujście), eine polnische Stadt direkt an der deutschen Grenze. Was wenige wissen: Am 12. März 1945 wurde die Stadt durch einen alliierten Bombenangriff fast vollständig zerstört – rund 20.000 Menschen kamen ums Leben. Heute zeugen mehrere eindrucksvolle Bunkermuseen von dieser Geschichte:
Festung Engelsburg – das größte Bunkermuseum der Region
Westfort – eine historische Festungsanlage direkt am Wasser
Unterirdische Stadt Wohlin – ein weitverzweigtes unterirdisches Tunnelsystem
Alte Küstenbatterie – Zeugin der einstigen Küstenverteidigung
Besonders bemerkenswert: Die gesamte Stadt ist mit dem Deutschland-Ticket erreichbar – einmal umsteigen genügt. Ein Tipp für Geschichtsinteressierte ist zudem die Kriegsgräberstätte Gollm in der Nähe.
Blick durch ein Bunkerfenster in Swinemünde – die Stadt beherbergt gleich mehrere Bunkermuseen
Peenemünde: Geburtsort der Raketentechnik
Weiter westlich liegt Peenemünde auf der Insel Usedom – die Heeresversuchsanstalt, in der während des Zweiten Weltkriegs die erste funktionsfähige Rakete der Welt entwickelt wurde. Das Historisch-Technische Museum Peenemünde ist heute in einem ehemaligen Braunkohlekraftwerk untergebracht. Highlight: Besucher können auf das Dach des imposanten Industriebaus steigen und einen weiten Blick über das Gelände und die Küste genießen. Von hier aus wurden damals die Raketen entlang der Küste bis nach Bornholm verfolgt.
Luftaufnahme des Museumsgeländes in Peenemünde – einst Geburtsstätte der Raketentechnik
Kernkraftwerk Lubmin: DDR-Atom und Nord Stream
Das Kernkraftwerk Lubmin war das einzige wirklich produktive Atomkraftwerk der DDR – und wurde kurz nach der Wende, 1990, abgeschaltet. Heute kann man das Gelände bei kostenlosen Führungen besichtigen (Anmeldung empfohlen!). Ein besonderer Bonus: Hier landet auch Nord Stream 1 und 2 – die gigantischen Gaspipelines, die Europa mit Energie versorgt haben.
Insel Vilm: Das geheime Paradies der SED-Elite
Zwischen Lubmin und Rügen liegt die Insel Vilm – ein kleines Naturparadies mit einer besonderen Geschichte. In der DDR war die Insel streng gesperrt und diente als exklusiver Urlaubsort für die Führungselite: Erich Honecker und andere SED-Größen erholten sich hier. Heute beherbergt die Insel die Internationale Naturschutzakademie (INA) – und ist weiterhin nur für sehr wenige zugänglich: Gerade einmal 25 bis 30 Touristen pro Tag dürfen die Insel besuchen. Die traditionellen reetgedeckten Häuser verleihen dem Ort einen ganz eigenen, zeitlosen Charme.
Traditionelle Reetdacharchitektur auf der Insel Vilm – einst Refugium der SED-EliteWeiter Blick über die Ostsee von der Insel Vilm
Prora – Der Koloss von Rügen
Das wohl bekannteste Bauwerk dieser Tour: Prora bei Binz auf Rügen. 1936 als riesiges Kraft-durch-Freude-Urlaubslager der Nationalsozialisten begonnen, erstreckt sich der Gebäudekomplex auf über 4,5 Kilometer Länge entlang der Küste. Von ursprünglich sechs Blöcken sind heute vier wiedergenutzt – als Hotels, Apartments und sogar ein Jugendherberge (Block 5). Ein Dokumentationszentrum im Querriegel informiert über die Geschichte des Baus und seiner wechselvollen Nachkriegsgeschichte. Dazu kommt ein NVA-Technikmuseum mit Fahrzeugen und Ausrüstung der Nationalen Volksarmee der DDR.
Luftaufnahme des Koloss von Rügen in Prora – ein KdF-Bau aus dem Jahr 1936Die schier endlos wirkende Fassade des KdF-Baus in Prora
Halbinsel Bug: Ehemaliges Militärareal am Nordwestzipfel Rügens
Am Nordwestzipfel Rügens liegt die Halbinsel Bug – lange Zeit militärisches Sperrgebiet, erst für die Nationalsozialisten, dann für die DDR-Volksmarine. Auf dem Gelände befand sich ein Seeflughafen mit einem riesigen Kran, dessen Überreste noch heute zu sehen sind. Nach der Wende wurden die meisten interessanten Bauten leider zurückgebaut. Wer das Areal besuchen möchte, sollte vorab Kontakt aufnehmen – früher war eine geführte Besichtigung per Kremser möglich.
Wilde Küste der Halbinsel Bug – fast 100 Jahre lang kein öffentlich zugängliches Gelände
Zingst & Darßer Ort: Kraniche und wilder Strand
Die Halbinsel Zingst hat gleich zwei Attraktionen zu bieten: Einerseits die neue Seebrücke Prerow – mit rund einem Kilometer Länge eine der längsten Deutschlands und architektonisch außergewöhnlich geschwungen. Andererseits ist Zingst eines der wichtigsten Durchzugsgebiete für Kraniche in Deutschland – Hunderttausende Vögel rasten hier alljährlich im Herbst auf den Wiesen, die einst Flak-Schießplatz der Nazis und später der NVA waren.
Weiter westlich liegt der Darßer Ort mit einem malerischen Leuchtturm und einer der schönsten Wildküsten Deutschlands. Vom Sturm gefällte Buchen ragen ins Wasser – ein unvergessliches Fotomotiv. Wer genau sucht, findet in der Nähe sogar noch die Ruinen eines Jagdhauses von Göring.
Wustrow: Die gesperrte Halbinsel mit der Nazi-Flakschule
Unweit von Rerik erstreckt sich die Halbinsel Wustrow – seit fast 100 Jahren für die Öffentlichkeit kaum zugänglich. Die Nazis betrieben hier eine große Flak-Ausbildungsschule, nach dem Krieg übernahm die sowjetische Armee das Areal. Heute liegt das Gelände brach; eine geplante touristische Entwicklung scheitert bislang an der schmalen Zufahrt und den zu erwartenden Verkehrsproblemen. Die verwitterten Gebäude der ehemaligen Gartenstadt vermitteln eine eigentümliche, fast unwirkliche Atmosphäre.
Verlassene Bauten auf der Halbinsel Wustrow – einst Flakschule, heute Lost Place
Geheimtipp: Das Betonschiff von Redentin
Einer der kuriosesten Orte dieser Tour: das Betonschiff-Wrack vor Redentin bei Wismar. Aus Mangel an Rohstoffen bauten die Nationalsozialisten in den letzten Kriegsjahren tatsächlich eine Transportschiffflotte aus Beton – mit einem hohlen, wasserdichten Betonrumpf. Eines dieser Wracks liegt heute halb versunken im Watt vor Redentin und kann bei Niedrigwasser erwandert oder im Sommer auch erschwommen werden. Ein absoluter Geheimtipp für Abenteuerlustige!
Priwall bei Travemünde: Luftwaffe, DDR-Grenze und Neuanfang
Das westliche Ende unserer Reise: der Priwall, eine Halbinsel bei Travemünde. Hier betrieb die nationalsozialistische Luftwaffe eine Erprobungsstelle für Flugzeuge – der gesamte Bereich wurde gerodet und als Flugplatz genutzt. Reste der alten Anlagen sind noch im Wald versteckt zu finden. In der DDR-Zeit war der Priwall Grenzgebiet – mit Beobachtungstürmen und Führungsstellen. Heute weiden Pferde auf den ehemaligen Militärflächen, und der Priwall hat sich zu einem attraktiven Urlaubsgebiet mit modernen Hotels und einem neu entwickelten Hafen entwickelt.
Idyllisches Priwall heute – auf dem ehemaligen Luftwaffen-Testgelände grasen Pferde
Fazit: Eine Küste voller Geschichte
Von Swinemünde bis Travemünde – diese Tour zeigt, wie reich an Geschichte die deutsche Ostseeküste ist. Bunker, Lost Places, geheime Inseln, Atomreaktoren und Naturwunder reihen sich aneinander. Und das Schönste: Viele dieser Orte sind leicht erreichbar, auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Wie Martin sagt: „Einfach mal machen!“
Habt ihr Lust auf solche Geschichtstouren bekommen? Schreibt uns euer Feedback – und sagt uns, ob ihr mehr solche Spezialfolgen zu Erinnerungsorten und Lost Places wollt, oder lieber die klassischen Länder- und Regionsporträts!
Mehr Fotos zu allen vorgestellten Orten findet ihr auf eintagwiekeinanderer.de. Bis zur nächsten Folge – Ein Tag wie kein anderer!
Der Sommer ist da – und manchmal braucht es keinen Koffer, kein Flugticket, keine Fernreise. In unserer dreizehnten Folge haben wir diesmal kein Land vorgestellt, sondern geschaut, was direkt vor […]
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