Der Sommer ist da – und manchmal braucht es keinen Koffer, kein Flugticket, keine Fernreise. In unserer dreizehnten Folge haben wir diesmal kein Land vorgestellt, sondern geschaut, was direkt vor unserer Haustür wartet. Denn Berlin und Brandenburg haben eine erstaunliche Dichte an vergessenen Orten, unterirdischen Geheimnissen und kostenfreien Highlights, die selbst Einheimische oft noch nicht kennen. Ob für ein verlängertes Wochenende, einen Tagesausflug oder einfach als Idee für den nächsten freien Sonntag – wir versprechen: es lohnt sich.
Beelitz Heilstätten kennt inzwischen fast jeder. Der Baumkronenpfad, die Führungen, die Cafés – das ehemalige Lungensanatorium hat sich längst zu einer ausgewachsenen Touristenattraktion entwickelt. Wir finden das durchaus okay, schließlich kostet die Erhaltung solcher denkmalgeschützter Riesenensembles Unsummen. Aber als langjährige Lost-Places-Enthusiasten zieht es uns eher dorthin, wo die Massen noch nicht stehen.
Grabowsee zum Beispiel. Die Heilanstalt nördlich von Berlin – grob bei Oranienburg – kennt kaum jemand, obwohl sie die ältere und in gewissem Sinne spannendere Geschichte hat. Sie wurde bereits 1896 vom Deutschen Roten Kreuz gegründet, als eine Art Experiment: Lässt sich Tuberkulose im märkischen Kiefernwald genauso heilen wie in den Alpen oder am Meer? Damals war die Schwindsucht eine der größten Volkserkrankungen, und man suchte nach Wegen, die Arbeitskraft der Bevölkerung zurückzugewinnen.
Was entstand, war riesig – wie bei vielen Heilanstalten jener Zeit wurde doppelt so viel gebaut, weil Männer und Frauen strikt getrennt untergebracht wurden. Die Gebäude aus der Jahrhundertwende haben eine beeindruckende Qualität: Wer genau hinschaut, findet noch Fliesen von Villeroy & Boch. Und wer das markante Foto kennt, weiß es schon: Auf einer der alten Bühnen steht noch ein Piano. Ein Bild, das einen nicht mehr loslässt.
Nach dem Ersten Weltkrieg folgten Lazarette, dann kam die Rote Armee – wie fast überall in der Region – und das Areal blieb für Jahrzehnte für Deutsche unzugänglich. Erst seit dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte 1995 ist das Gelände wieder erreichbar. Genau diese vielschichtige Vergangenheit macht solche Orte für uns so faszinierend.
Wichtig zu wissen: Einfach unterm Zaun durchkriechen ist keine gute Idee. Am Tor hängt ein Schild mit einer Telefonnummer – wer anruft, bekommt eine legale Führung organisiert. Die Kosten sind gestaffelt: Wer nur schauen möchte, zahlt weniger als wer fotografieren will. Wenn ihr also mit Kamera kommt – und das lohnt sich wirklich –, plant etwas mehr ein. Und: früh hinfahren. Auch Grabowsee ist inzwischen kein echter Geheimtipp mehr, wer am Tor ein Schild sieht, kommt auf Ideen.
Etwa 40 Kilometer südlich von Berlin, zwischen Zossen und der brandenburgischen Stille: Wünsdorf. Wer heute auf der B96 durch den Ort fährt, ahnt kaum, was hinter den Bäumen steckt. Früher gab es hier einen massiven Betonzaun, der das gesamte Areal abschirmte. 35.000 sowjetische Soldaten lebten hier zeitweise – und täglich fuhr ein Direktzug von Wünsdorf nach Moskau, bis 1994. Man kann sich das heute schlicht nicht mehr vorstellen.
Wir waren schon mehrmals gemeinsam dort und werden immer wieder hingezogen, weil die Geschichte hier in mehreren Schichten liegt. Angefangen bei der Reichswehr, die das Gelände entwickelte, über den Zweiten Weltkrieg bis zur langen Sowjetära: Der Ort erzählt von militärischer Macht, von Isolation und davon, wie abrupt Geschichte enden kann. Mit dem Nachrichtenbunker Zeppelin und der Maybach-Anlage gibt es zudem unterirdische Bauten von einer Dimension, die einen buchstäblich sprachlos macht.
Heute kümmern sich mehrere Akteure um das Areal. Die Bücherstadt Wünsdorf GmbH bietet Gebäude- und Bunkerführungen an. Dann gibt es das Haus der Offiziere – noch aus Reichswehrzeiten – mit einer alten Schwimmhalle, einer Tonhalle und einem Veranstaltungssaal. Und wer durch die Wohnsiedlungen läuft, entdeckt noch die Winkeltürme: zigarrenförmige Hochbunker, die als Zivilschutzanlagen dienten.
Für Familien mit Kindern ist Wünsdorf übrigens durchaus geeignet – besonders der Bunker Zeppelin, der gesichert begehbar ist. Anreise auch ohne Auto möglich: Mit der Regionalbahn aus Berlin kommt man bis nach Wünsdorf, wer das weitläufige Gelände erkunden möchte, nimmt am besten ein Fahrrad oder einen E-Roller mit.
Von Kais Büro im Ullsteinhaus in Berlin-Tempelhof ist er immer zu sehen, Richtung Westen: der Teufelsberg. Berlins höchster Berg mit 120,1 Metern – wobei „Berg“ eine relative Bezeichnung ist, denn er besteht komplett aus Trümmerschutt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Ruinen des bombardierten Berlins abtransportiert und über dem Rohbau der geplanten Wehrtechnischen Fakultät der Nazis aufgeschüttet. Der NS-Bau war schon weitgehend fertig, als die Pläne beendet wurden – heute schlummert er unter Metern von Schutt.
Was dann kam, macht den Teufelsberg zu einem der dichtesten Geschichtsorte dieser Stadt. Ab 1963 errichteten die Amerikaner hier die US Field Station Berlin, eine gemeinsame Abhöranlage von NSA und CIA. Das Ziel: den Funkverkehr des Ostblocks zu überwachen. West-Berlin lag ja bekanntlich wie eine Insel inmitten der DDR, militärische Kommunikation lief über Richtfunkstrecken – und wo Funkwellen gesendet werden, kann man mithören. Beide Seiten belauschten sich permanent. Eine Top-Secret-Anlage, die aus ganz Berlin sichtbar war: Die charakteristischen Radome, diese weißen Kuppeln, sind bis heute das Wahrzeichen des Berges.
Nach dem Mauerfall wurden abenteuerliche Pläne für Luxuswohnungen geschmiedet – daraus wurde nichts. Stattdessen hat sich der Teufelsberg in den letzten mehr als zehn Jahren zur wohl spektakulärsten Open-Air-Streetart-Galerie Berlins entwickelt. Künstlerinnen und Künstler besprühen alle geraden Wände, die Werke sind vergänglich, werden übermalt, erneuert. Wer regelmäßig kommt, entdeckt immer wieder Neues.
Das Gelände ist täglich von etwa 10 bis 18 Uhr geöffnet, es gibt geführte Touren und inzwischen auch eine kleine Gastronomie. Tipp: Mit dem Auto gibt es unten einen Parkplatz, von dort geht es den Berg hinauf und dann noch einmal Treppen hoch bis auf das Dach mit den Radomen. Der Ausblick über Berlin ist von dort oben schlicht beeindruckend – zum Sonnenuntergang besonders. Wer lieber mit der Bahn kommt, muss ein Stück durch den Grunewald laufen, aber das gehört dazu.
Und wer im Winter wiederkommt: Der Nachbarberg, der Drachenberg, ist noch immer ein beliebter Schlittenhügel.
Wenn draußen 35 Grad im Schatten herrschen und selbst das Eis schnell schmilzt, haben wir einen Geheimtipp, über den sich Martin schon seit Jahrzehnten freut: runter in die Bunker. Berlin und Brandenburg bieten eine außergewöhnliche Dichte an Bunkermuseen und unterirdischen Anlagen – und die sind im Hochsommer angenehm kühl, um die 10 bis 20 Grad je nach Anlage. Kleiner Hinweis: Ein dünner Pulli in der Tasche ist keine schlechte Idee.
In Berlin sind die Berliner Unterwelten am bekanntesten und gehören inzwischen zu den meistbesuchten Tourismusdestinationen der Stadt überhaupt. Das Programm ist breit, Führungen gibt es in zahlreichen Sprachen – von Englisch über Spanisch bis Italienisch. Wer noch nicht dort war, hat etwas verpasst.
Am Anhalter Bahnhof findet sich der Berlin Story Bunker mit einer Ausstellung, die unter anderem eine deutschlandweit einmalige Dokumentation des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine zeigt – mit echten Exponaten, Drohnen und militärischem Material, das vom Schlachtfeld stammt.
In Brandenburg lohnen sich vor allem Anlagen aus dem Kalten Krieg. Wer die NVA-Geschichte interessiert: Im Bunker Garzau befindet sich das ehemalige Rechenzentrum der Nationalen Volksarmee – und wer Abwechslung möchte, kann das mit der Paintball-Anlage oberhalb kombinieren. Der Bunker Gosen dokumentiert die Geschichte des Auslandsnachrichtendienstes der Stasi. Und Haneckopf gilt als eine der schönsten Anlagen in Brandenburg: drei Etagen, fast vollständig im Originalzustand. Dort kann man entweder eine klassische historische Führung buchen oder – für Fotografie-Begeisterte – eine mehrstündige Fotoführung, bei der man stundenlang hunderte Räume erkunden kann.
Wer denkt, Berlin sei teuer, hat nicht ganz Unrecht – aber es gibt auch hier Ausnahmen. Mehr als zehn Einrichtungen in der Stadt sind komplett kostenfrei zu besuchen, und viele davon sind echte Highlights.
Die Gedenkstätte Hohenschönhausen (ehemaliges Stasi-Untersuchungsgefängnis) ist im Ausstellungsbereich kostenlos zugänglich. Für den Zellentrakt braucht man eine Führung mit Ticket. Das Futurium nahe dem Hauptbahnhof ist eine der modernsten Ausstellungen der Stadt und gehört zu unseren persönlichen Empfehlungen. Der Deutsche Dom am Gendarmenmarkt ist nicht nur wegen seiner Geschichte zur deutschen Demokratie einen Besuch wert – allein das imposante Treppenhaus beim Eingang ist ein Motiv für sich.
Das Dokumentationszentrum Berliner Mauer in der Brunnenstraße lässt die innerdeutsche Teilung auf eindrückliche Weise erlebbar werden. Die Gedenkstätte Plötzensee und das Haus der Wannsee-Konferenz widmen sich den dunkelsten Kapiteln der NS-Zeit. Das Alliiertenmuseum in Zehlendorf (für das Außenareal wird inzwischen ein kleiner Beitrag verlangt) und das Museum Karlshorst – der Ort der deutschen Kapitulation 1945 – runden das Bild ab.
Und wer auf dem Weg nach Westen die Autobahn nutzt: Der ehemalige Grenzübergang Marienborn ist ein stiller, eindrücklicher Halt, kostenlos zugänglich und – für die Elektroautofahrer unter euch – mit Ladesäulen ausgestattet.
Ein paar Tipps, die wir aus eigener Erfahrung mitgeben:
Früh starten. Das klingt banal, ist aber der effektivste Ratschlag für alle Orte auf dieser Liste. Wer um 8 Uhr am Teufelsberg steht, hat die Motive für sich. Wer um 12 Uhr ankommt, teilt sie mit vielen anderen.
Führung buchen. Besonders für Grabowsee, Wünsdorf und die Bunkeranlagen gilt: Einfach hinfahren und durchschlendern funktioniert oft nicht oder ist illegal. Anrufen, anmelden, legal rein – das schützt nicht nur euch, sondern auch die Eigentümer und die Objekte.
Festes Schuhwerk. Kai hat es in der Folge selbst zugegeben: Turnschuhe an einem Lost Place sind suboptimal. Stabile Schuhe, am besten mit Knöchelschutz, sind Pflicht. Wer auf Nummer sicher gehen will, zieht auch langärmlige Kleidung an – und bei erkennbarem Schimmel an den Wänden ist eine Atemschutzmaske keine schlechte Idee.
Bargeld. Berlin und Brandenburg zahlen noch gerne Cash. Das gilt für viele der hier vorgestellten Orte.
Keine Drohnen. An fast allen historischen Anlagen sind Drohnen nicht erlaubt oder zumindest nicht gern gesehen. Bitte daran halten.
Offline-Karten. An vielen dieser Orte – mitten im Wald, abseits jeder Ortschaft – gibt es keinen Handyempfang. Karte vorher aufs Gerät laden. Martin schwört für wirklich abgelegene Touren auf sein Garmin GPS-Gerät mit Notfallkommunikation. Neuere iPhones bieten inzwischen ebenfalls eine Satellitenkommunikation für den Notfall.
Vorsicht vor Drittanbietern. Wer bei GetYourGuide, Viator oder ähnlichen Portalen nach Führungen für kostenfreie Orte sucht, zahlt oft das Vielfache des normalen Preises – manchmal für Touren, die man direkt beim Museum oder Verein für einen Bruchteil buchen kann. Direkt auf die Websites der Betreiber gehen lohnt sich immer.
Wasser mitnehmen. Klingt selbstverständlich, ist es offenbar nicht immer. An Grabowsee gibt es keine Cafeteria, am Teufelsberg inzwischen eine kleine Bar – aber verlasst euch lieber nicht darauf.
Wir kennen die Region gut, aber längst nicht alles. Welche Orte habt ihr in Berlin und Brandenburg entdeckt, die ihr weiterempfehlen möchtet? Schreibt uns – auf die Gefahr hin, dass unsere gesamte Hörerschaft dann dorthin pilgert. Und wenn der Ort in der Nähe des besten Kirschkuchens weit und breit liegt: umso besser. Vielleicht machen wir daraus noch eine eigene Rubrik.
Diese Folge gibt es überall, wo es Podcasts gibt. Wenn ihr noch nicht abonniert habt, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt. Und wer uns Feedback, Ortstipps oder Einladungen schicken möchte: Wir freuen uns über jede Nachricht.
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